Fotografie als experimentelles Medium


Für Ursula Jakob ist Fotografie mehr als ein Medium des Abbildens. In der Art-Etage im Pasquart-Anbau zeigt die Berner Künstlerin Lichtbilder mit «doppelten» Baustellen und eine Installation.

Gast von Ursula Jakob in der Ausstellung in der Art Etage von Alfred Maurer und Noémi Sandmeier ist der Schriftsteller Franz Dodel. Die beiden haben eine interessante Duo-Arbeit entwickelt. «Bei Dodels täglich wachsendem Haiku gibt es eine ganz besondere Bildwahrnehmung, die auch mir in meinen Arbeiten mit Fotografie wichtig ist», sagt Ursula Jakob zum audio-visuellen Projekt «Passage». Zu sehen sind neun variierte Heliogravuren einer städtischen Fluss Mauer-Situation. Zu beiden Seiten gibt es eine Audio-Box, aus welcher eine Stimme ertönt, die etwas vorliest. Steht man in der Mitte, kann man die Bilder «lesen», aber die sich von links und rechts mischenden Worte nicht verstehen. Bewegt man sich zur einen oder anderen Seite, erlöscht das Bild mehr und mehr, während der Ton verständlich wird: Franz Dodel liest aus «never ending Haiku».

«Wenn wir schauen», so Ursula Jakob, «so sieht alles, was wir je gesehen und erlebt haben, in uns mit; dieses spezifische Wahrnehmen versuche ich einzufangen.» Die in der «Fabrik» in Burgdorf arbeitende Künstlerin will das indes nicht illustrativ verstanden wissen, sondern als künstlerische Umsetzung eines Empfindens. So sind denn weder «Passage» noch die vielteilige Serie der Baustellen-Fotografien ein Lehrgang. Ursula Jakob arbeitet sehr zurückhaltend, die Motive sind unspektakulär und Farbe hat höchstens als monochrome Ergänzung am Rande Platz. Man könnte sogar sagen, das Motiv sei unwichtig. Es existiert ja so objektiv auch gar nicht. Die Graffiti an der Flussmauer , die Hochhäuser dahinter, die Armierungen im Beton, die Leiter an der Wand sind subjektive Vorstellungen respektive fotografische Bildüberlagerungen. Aber wir kennen aus unserer Erfahrung jede Bildschicht einzeln, darum sind uns die Bilder nicht fremd. Manchmal schauen wir auch gar nicht, weil anderes – zum Beispiel Töne – unsere Wahrnehmung fixieren. Diese subtilen und zugleich wahrnehmungsprägenden «Automatismen» sind das Thema von Ursula Jakob. Sowohl die «Passage» Arbeit mit Franz Dodel wie die «Baustellen» bringen das eindrücklich zum Ausdruck.
Ursula Jakob hat sich insbesondere durch ihren experimentellen Umgang mit grafischen Arbeiten einen Namen gemacht. Darum figuriert sie auch seit langem im Programm der Galerie, die an früheren Orten ja auch schon mal «impress» hiess. Kein Wunder darum, dass sie auch mit Fotografie umgeht, als wäre sie ein druckgrafisches Medium.


Für die ausstellungsbestimmende Serie fotografierte sie auf einer grossen Baustelle in Burgdorf; mit einer analogen Kamera. Das heisst der Film liess sich nach einer ersten Runde zurückspulen und nochmals verwenden. So überlagern sich mehrere Bild-schichten, werden gleichsam zum «Film», zu einem Prozess in der Zeit – der «Baustelle» unserer Wahrnehmung. Die besten hat Jakob daraufhin als Vergrösserungen auf ein mit Fotoemulsion beschichtetes Papier übertragen.
Sei es in der «Normalsicht» als Positive, oder in Umkehrung der Hell-Dunkel-Werte als Negative, die das reale Geschehen noch weiter in den Hintergrund rücken. Ganz besonders am Herzen liegt ihr eine Arbeit mit dem Titel «nicht ganz alles». Sie zeigt fast nichts (mehr), denn die Künstlerin hat Positiv und Negativ übereinander kopiert und so «fast alles» gelöscht. Da wird spürbar, wie sehr in ihren Arbeiten neben der inhaltlichen Vision auch die Lust am Experiment, am Schaffen unerwarteter Bilder wichtig ist. Als Betrachtende mag man Sichtbareres vorziehen, doch die Haltung Jakobs gegenüber ihrem Medium gehört mit zur Qualität ihres Schaffens.

Annelise Zwez

Bieler Tagblatt, 9. Juni 2010

 

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Mit Vorliebe zieht die Berner Künstlerin Ursula Jakob mit der Kamera durch halb verlassene Hafen- und Industriequartiere. In Hamburg oder in Glasgow zum Beispiel. Hinterhöfe, abgetackeltes Mauerwerk und vor sich hin Rostendes reizen den Auslöser. Das Hässliche als Widerstand. Grau in Grau. Ist der Film voll, spult ihn Ursula Jakob zurück und fotografiert ein zweites Mal, diesmal in Feld, Wald und Wiese. Den Widerstand brechen, Dunkles mit Hellem überlagern, Statisches in Bewegung versetzen – die Künstlerin kennt die Physik der Fotografie und spielt damit. Und doch bergen die schwarz-weissen Lichtbilder jedes Mal Überraschungen. Zwei oder drei werden schliesslich zu «Bildern». Doch bis dahin ist der Weg noch weit. Zunächst gilt es, die Fotografie auf Büttenpapiere, die mit Foto-emulsion grundiert sind, zu übertragen, Ton für Ton, als wäre es Malerei. Wo nötig, nimmt die Künstlerin Pinsel und Tusche, um die Gewichte zu setzen, die ihr vorschweben. Es geht jetzt nicht mehr um Hafenmolen und Fabrikmauern, um Rispen, die sich im Wind wiegen. Ursula Jakob will das Bild auf eine abstraktere Ebene bringen, will Schwere und Leichtigkeit ausgleichen, Bewegung und Wandel einbringen, das Sichtbare als Emotionales zeichnen. Mit Siebdruckelementen – meist rechteckigen Feldern – kommen weitere Akzente hinzu, helle und dunkle, auch verhaltenes Grün oder bräunliches Orange-Rot. Das Verhaltene, gar Spröde bleibt – bewusst; billige Verführung ist nicht ihr Thema. In anderen Arbeiten überträgt Ursula Jakob die Fotografie auf die Kupferplatte und es entstehen, auch hier in aufwändigen Arbeitsprozessen, mehrteilige und/oder mehrschichtige und mehrfarbige Heliogravuren.
Die Druckgrafik steht nicht im Mittelpunkt des aktuellen Kunstinteresses. Aber Grafik hat seit jeher und bis heute mit sammeln zu tun. Die Druckgrafik hat eine eigene Fan-Gemeinde. Darum gibt es zum Beispiel die Triennale der Druckgrafik in Grenchen. Oft sind die Sammler eigentliche Spezialisten, das Machen, die Technik, das Experiment (die Alchemie der Wandlungen) ist für sie massgeblicher Teil der Werke. Ursula Jakob weiss das. Auch bei ihr ist der Entstehungsprozess substanziell wichtig. Doch zugleich mag sie die «Schublade» nicht, denn letztlich, so sagt sie, gehe es um die Form, um den Inhalt, der durch diese Prozesse erwirkt werden könne. Tatsächlich treibt sie die Druckgrafik so an den Rand, dass man ihre Arbeiten ebenso als experimentelle Fotografie bezeichnen könnte. Doch gerade dieses «Floaten» zwischen den Medien macht ihre Arbeit spannend. Es ist ein anderer Ausdruck für die Gleichzeitigkeit, die sie durch die Überlagerungen auch im Bild visualisieren will.

 

Annelise Zwez

Bieler Tagblatt, 2004